Abreise, Freitag, 03. Dezember 2021

Am Morgen stehe ich früh auf, um als erstes die beiden Dieselfilter aus dem Rolnautik-Shop zu holen. Außerdem haben wir noch keine Gastlandflagge für St. Vincent & the Grenadines. Gleich gegenüber von unserem Stegtor ist der Yanmar-Service mit dem knuffigen, sympathischen Skandinavier Ole hinter dem Tresen. Ole spricht sehr gut Deutsch, eine echte Wohltat. Er reicht mir die Filter und sagt beiläufig: "Du kriegst heute noch deinen Motorcheck." 
"Oh, doch noch?? Wann?"
"Ich rufe dich an, wenn ich die Uhrzeit weiß." Ja super, damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet. Gegenüber der Sailor's Bar lade ich mithilfe deren WLAN die letzten Updates und Wettervorhersagen runter.

Gerade sind wir mit dem Frühstück fertig, stehen zwei Männer auf dem Steg, bepackt mit Kanistern und Kartons. Der jüngere spricht einigermaßen Englisch, der ältere ist sein Gehilfe. Ölwechsel, Keilriemenwechsel, Wechsel des Dieselfilters gehen ihnen zügig von der Hand, Tropfen von Öl und Diesel werden sofort und gründlich aufgewischt. Ich bejahe die Frage, ob sie das Gehäuse des Dieselfilters zum Reinigen mitnehmen sollen.

Die Zeit läuft, es ist schon Mittag. Das Marina-Office schließt um 14 Uhr. Wenn wir bis dahin den Hafen verlassen haben müssen, wird es höchste Zeit auszuchecken. Ich greife Pässe und Bootspapiere und mache mich auf den Weg einmal um das Hafenbecken herum. Der freundliche Marina-Angestellte beruhigt mich: Die Zugangskarte für den Steg können wir behalten, für unseren nächsten Besuch in Las Palmas, wir hätten sie bezahlt. Wann wir den Hafen verlassen haben müssen? Der Motorcheck ist noch nicht fertig... Ach, es reicht, wenn wir abends rausgehen. Aber wir müssen noch bei der Police auschecken. Die beiden Offiziere sitzen im Marina-Büro, füllen freundlich mit mir zusammen ein Papier für das Ausklarieren aus, stempeln es und wünschen uns eine gute Reise. Danke!

Am Stegtor wartet ein junger Mann mit einem Kreditkartengerät, dass ihm jemand das Tor öffnet. Am Schiff angekommen erfahre ich von Merle, dass sie bereits die Motorcheckrechnung bei eben diesem Mann bezahlt hat. Der jüngere Motorfachmann ist bereits dabei, den Dieselfilter wieder einzubauen und Öl bis zur Maximummarke des Peilstabes aufzufüllen. Er erklärt mir, dass die Filter mit einem zähen Belag verklebt waren. Er macht ein schmatzendes Geräusch und deutet mit den Fingern Klebriges an. Das Wort dazu verstehe ich erst beim dritten Anlauf: "Ach so, Chewing Gum!" Also beginnt bereits die Dieselpest, ein gefürchtetes Wachstum von Bakterien, die sich von der Biodiesel-Beimischung ernähren und Klumpen im Tank bilden - der Tod eines jeden Filters, Ventils usw. Also noch einmal zum Rolnautic-Shop, eine Beimischung für den Tank gegen Dieselpest kaufen. An der Kasse fragen wir, ob denn vielleicht noch Gastlandflaggen für St. Vincent am Lager seien. Die junge Frau sieht im Computer nach: "Na klar!" Geht doch...


Erster Sonnenuntergang auf See

Erster Sonnenuntergang auf See

Zurück am Steg leihe ich vom belgischen Familienvater auf dem Nachbarboot seinen Wasserschlauch und kündige unsere Abreise an. Joli Ame ist zwischen deren Boot und einem zurzeit unbesetzten britischen auf der anderen Seite quasi eingeklemmt, da ist Mithilfe beim Ablegen gefragt. Nachdem die neuen Netze mit Obst bestückt sind und das Diesel-Additiv in den Tank gefüllt ist, geht es los. Um 17 Uhr verlassen wir den Hafen. Im Vorhafen trainieren Kajakverein, Segelschule, Laserboote - es ist schließlich Freitagnachmittag, beste Zeit für's Training. Im Slalom zwischen den Seglern und den Schlauchbooten der Betreuer geht es zur Hafenausfahrt. Oh weh, da steht eine gewaltige Welle gleich hinter der letzten Mole. Joli Ame stampft gegenan, um an den auf Reede liegenden Frachtschiffen vorbeizukommen. Wir rollen die Segel aus und weiter geht die Berg- und Talfahrt, mit achterlichem Wind immer entlang der Küste Richtung Süden. Als wir am Flughafen vorbeikommen, auf dem wir gestern gelandet sind, ist es bereits dunkel. Weiter geht es an der Touristenhochburg Maspalomas mit seinen Sanddünen vorbei, hinaus auf das offene Meer. Adios, Islas Canarias!

Tag 1, 04. Dezember 2021

Tage später erinnert mich Merle, dass wir zu diesem Zeitpunkt, also kurz nach Mitternacht, ihrem Bruder und unserem ältesten Sohn zum Geburtstag hätten gratulieren können, solange wir noch Netzverbindung zur Insel hatten. Leider versäumt.

Im Wind- und Wellenschatten von Gran Canaria sind See und Wind tatsächlich ruhiger. Aber irgendwann kommen wir auf der Südwestseite der Insel aus diesem Schatten heraus. Die Folge: eine fürchterliche Kreuzsee mit Wellen von der Ost- und der Westküste der Insel. Eine Schiffsschaukel auf dem Rummel ist ein Dreck gegen das, was unser Schiff jetzt veranstaltet. Alles, was wir nicht penibel verstaut haben, fliegt durch die Gegend und landet auf dem Boden, darunter Obst und Gemüse aus den frisch montierten Netzen. Während ich auf der Salonbank schlafe, steigt mir der Duft von Basilikum in die Nase. Ich überlege im Dämmerschlaf, woher das kommen kann. Ein Glas Pesto Verde ist auf den Boden gepoltert, der Deckel abgesprungen, die grüne Soße verteilt sich auf den Bodenbrettern und verwandelt diese in eine Rutschbahn. Der Weg ins Vorschiff ist damit unmöglich.

Als es hell wird, können wir das ganze Ausmaß des Chaos überblicken. Weil wir aber viele Tage an Land und im Hafen waren, droht bei jedem Gang unter Deck schnell die Seekrankheit. Was für eine Sch... Wenn das während der ganzen Atlantiküberquerung so weiter läuft, dann gute Nacht. Aber was haben wir in und nach der ersten Nacht beim Verlassen von Portugal gelernt? Das geht alles vorüber, und es kommen bessere Zeiten. So auch hier.

Merle hat inzwischen das Buch über die Solo-Weltumsegelungs-Regatta von Boris Herrmann verschlungen, und auch ich bin inzwischen auf knapp der Hälfte angekommen. Das Buch hatten mir mein Bruder und meine Schwägerin zum Abschied geschenkt. Und richtig: Es hilft! Boris hat von einem Psychologen und Berater empfohlen bekommen: Die Aufgabe, in 80 Tagen allein um die Welt zu segeln, ist übermächtig. Nimm dir jeden Tag einzeln vor und bewältige die Aufgaben, die an diesem Tag zu erledigen sind. Dann wird das Ausmaß überschaubarer. Also beseitigen wir zuerst die Pesto-Sauerei, lassen aber all die Dinge, die auf dem Boden liegen, erst einmal dort, denn tiefer können sie nicht fallen. Zwar rollt und rutscht so Einiges hin und her, aber man gewöhnt sich an allem, sogar am Dativ. Nur den Bereich um den Niedergang und bis zu den Salonbänken räumen wir auf, damit ist die Funktionstüchtigkeit von Schiff und Mannschaft gesichert - alles andere kommt später.

Segelstellung bei der Atlantiküberquerung

Segelstellung bei der Atlantiküberquerung. Das Dronenfoto stammt vom einzigen ruhigen Tag. Nur da konnte die Drone bei wenig Wind fliegen.

Viele Tage auf See...

Hier kommen ein paar Ausführungen zur Segelkunde. Nichtsegler sind von der Dichte an Fachvokabular vermutlich überfordert, also einfach überspringen! Wir haben Wind schräg von hinten ("raumschots") zwischen 20 und 30 Knoten und eine gewaltige Dünung, die wir so hoch nicht erwartet hatten. Es braucht etwas, bis wir die richtige Konstellation von Segelstellung und Einstellung der Windfahnensteuerung gefunden haben. Das Ergebnis: Der Start nur mit dem großen Vorsegel hat eine furchtbare Schaukelei zur Folge. Erst als wir uns an die erste Nacht südlich Portugal erinnern, rollen wir auch das Großsegel teilweise aus. So liegt das Schiff stabiler und rollt nicht so stark hin und her. In meiner praktischen Segelausbildung in den frühen Neunzigern vor Istrien hat mein Ausbilder gesagt: "Das Großsegel wird bei raumem Wind nur so weit gefiert, dass die Baumnock nicht über die Bordwand hinausgeht." Machen wir so, und es bewährt sich. Sogar holen wir das Großsegel so dicht, dass die Schot straff gespannt ist. Wenn dabei der Traveller in Lee steht, schlägt das Großsegel kaum hin und her, wenn das Boot von einer Welle aus der Richtung gedreht wird. Normalerweise setzt man zum Schutz vor einer Patenthalse einen Bullenstander. Bei diesen Bedingungen - Wellen weit höher als unser Bimini-Verdeck - auf dem Vorschiff herumzuturnen und den Bullenstander zu installieren, ist mir zu heikel. Geht also auch erst einmal so.

Warum nicht platt vor dem Laken alias Schmetterling alias Goosewing, also Großsegel zur einen, Genoa zu anderen Seite? Erstens erfordert diese Segelstellung sehr aufmerksames Steuern, damit der Wind immer genau von hinten einfällt. Bei der vorherrschenden Dünung ist aber genau das sowohl für uns als auch für die Hydrovane Windsteuerung nur schwer sicher zu stellen, denn jede Welle dreht das Heck zur Seite, gleich darauf pendelt das Schiff wieder zurück. Zweitens bieten die Segel so nur reinen Widerstand, haben aber kein Profil wie ein Flugzeugflügel. Mit letzterem kann das Schiff sogar schneller segeln als der Wind. Drittens ist die tolerable seitliche Schwankungsbreite bei unveränderter Segelstellung erheblich größer. Anluven und Abfallen der Windfahne bleiben also gefahrlos. Und zuguterletzt: Platt vor dem Laken pendelt der Mast mit dem ganzen Schiff drunter ewig hin und her. Das geht auf die Nerven und auf das Material.

Was ist mit dem kleinen Vorsegel (Solent, Stagsegel)? Wir wickeln es probehalber aus. Es kann aber kaum so weit gefiert werden wie nötig. Außerdem deckt es die Anströmung des großen Vorsegels ab. Die Folge: Das große Vorsegel (Genoa oder Genua) flattert unmotiviert hin und her und bringt keinen Vortrieb. Also wieder einwickeln für andere Kurse.

Dünung im Atlantik

Dünung im Atlantik. Wellen sehen auf Fotos meist total harmlos aus.

Genug gefachsimpelt. Die gewaltige Dünung ist beeindruckend bis beängstigend. Schaut man im Wellental nach hinten, rollt da eine gewaltige Wasserwand auf uns zu, weit höher als Augenhöhe. Wie von Zauberhand wird aber das Boot Welle für Welle angehoben, die Welle rollt unter dem Boot durch und beschleunigt es dabei: Das nennt man Surfen. Auf der gesamten Atlanktiküberquerung ist keine einzige Welle in unser Cockpit eingestiegen und die Wanne geflutet worden. Einzig die ein oder andere unfreiwillige Salzwasserdusche findet ihren Weg dorthin, wenn irgendeine vorwitzige, miese Drecksquerwelle seitlich gegen den hinteren Rumpf prallt. Das Schiff segelt aber grundsätzlich ausgesprochen "trocken".

Weiße Schaumkronen bei viel Wind

Weiße Schaumkronen bei viel Wind. Hier geht's noch, aber wenn es heftig wird, bildet der Schaum weiße Streifen in Windrichtung.

So geht das Tag für Tag, mit wechselndem Wellenbild je nach Windstärke und Dünungsrichtung. Wenn die Richtung der langen Dünung mit der Windrichtung übereinstimmt, liegt das Schiff einigermaßen ruhig. Andernfalls gibt es zwei Wellenrichtungen, eine vom Wind und eine von der Dünung, die von anderen Windsystemen zu uns herübergeschickt werden. Dann gibt es diese ekligen Kreuzseen, die das Schiff tanzen lassen. Es schaukelt und schaukelt und hört nicht auf.

Die Windstärken liegen bis auf einen einzigen ruhigen Tag zwischen 20 und 30 Knoten, das sind knappe 40 km/h bis über 50 km/h. Halte im Stadtverkehr die Hand aus dem Autofenster, und du weißt, wovon ich spreche/schreibe. Die Spitzenwerte liegen bei 40 bis 50 Knoten in Schauerböen (ca. 80 km/h). Die dauern meist nur eine halbe Stunde, aber die hat es dann in sich.

Tag 2, zurückgelegte Entfernung, Durchschnittseschwindigkeit

Tag 2, zurückgelegte Entfernung, Durchschnittseschwindigkeit

Tag 2, 05. Dezember 2021

Merle hat akribisch Tag für Tag etwa um die gleiche Uhrzeit unseren Satelliten-Sender/Empfänger fotografiert und so den Reisefortschritt dokumentiert. Hier haben wir 317 Seemeilen im Kielwasser gelassen, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,8 Knoten = Seemeilen pro Stunde. Das ist mehr als ich erwartet hatte.

Weil wir den Ehrgeiz haben, Weihnachten "drüben" zu sein, segeln wir je nach Windsituation abwechselnd im "racing mode" und im "security mode". Racing mode, bedeutet: Wir haben eigentlich zu viel Tuch oben, wehe wenn da was schief geht.

Die Windfahne steuert meist gut. Dabei ist das Hauptruder des Bootes arretiert. Leider ist die Arretierung über eine Handschraube am "Lenkrad" nicht bombenfest. Bei seitlich heranrollenden Wellen wird das Hauptruder manchmal zur Seite gedrückt und bleibt so stehen, ist ja eigentlich festgesetzt. Das bedeutet, das Schiff läuft unkontrolliert aus dem Ruder. Wir gewöhnen uns an, auf das Geräusch zu achten, das das Verrutschen der Ruderstellung begleitet. Im weiteren Verlauf sitzt/liegt der/die Wachhabende so, dass eine Hand auf einer Speiche des Ruderrades liegt. Jedes Rutschen spürt man sofort, auch wenn man gerade eingenickt ist.

In der Nacht habe ich am Heck des Bootes ein wiederkehrendes Knackgeräusch wahrgenommen. Meine Suche nach der Quelle bleibt ergebnislos.

Loggenstand am 06.12.

Tag 3, fast 500 Meilen im Kielwasser, und noch schneller geworden: 6,9 Knoten im Schnitt über alles! Das geht ja wie geschmiert.

Tag 3, 06. Dezember 2021

Nikolaustag! Der Nikolaus hat uns leider hier draußen nicht gefunden. Wie schön, dass Solveig uns mit Blechdosen voller selbstgebackener Kekse versorgt hat. Die lassen wir uns heute schmecken, natürlich nicht alle. Die Adventszeit ist ja noch lang.

In der Nacht ist das Knackgeräusch häufiger aufgetreten, die Abstände werden immer kürzer. Bei Tageslicht suche ich weiter nach der Quelle. Oh Schreck! Die untere Befestigungsplatte der Windfahnensteuerung rutscht hin und her! Und das kurz oberhalb oder knapp unterhalb der Wasseroberfläche, je nach Welle. Das bedeutet, Wasser dringt durch die Bolzenlöcher ins Boot. Ich tauche bei ordentlich Seegang nicht ins Wasser, sondern in die Backskiste an Steuerbord ab. Gut, dass ich mit Frans gemeinsam die Windfahne montiert habe. So kenne ich jede Schraube, jede Mutter, auch von innen im Boot. Dort sehe ich die Bescherung: Alle anderen Muttern der Anlage draußen sind selbstsichernd, mit Nylonring am Gewinde. Nur die von innen aufgeschraubten Muttern nicht. Die auf der untersten Befestigung, die wichtigsten, sind so lose, dass ich gut zehn Umdrehungen mit der bloßen Hand schrauben kann, bis die Mutter "handwarm" sitzt. Mit dem Schraubenschlüssel ziehe ich sie gut fest. Aber was tun, damit sie sich nicht wieder lösen? Kontermuttern müssen her. Im Karton mit den Reserveteilen für die Hydrovane finde ich welche. Drauf damit und scharf angezogen! Zur Sicherheit ziehe ich außen über dem Wasser hängend alle auch anderen Muttern nach. Einige haben ein wenig Spiel, andere nicht. Puh, das ist gerade noch einmal gut gegangen!

Aber das ist der Grund, warum ich an Bord keine Musik höre oder gar Kopf- oder Ohrhörer trage: Das Boot verrät dir anhand der Geräusche, ob alles in Ordnung ist oder nicht. Wie sagte Tierry, der Franzose, der uns in Camaret sur Mer zur Post mitgenommen hat: "Du musst immer hören, hören! Dann weißt du, ob es dem Boot gut geht."

Merle schwimmt mitten im Atlantik

Merle schwimmt mitten im Atlantik bei 5000 Metern Wassertiefe. Eine Hand an der Badeleiter, die andere an der Sicherheitsleine.

Tag 4, 07. Dezember 2021

Der Wind flaut ab auf unter 10 Knoten. Wir machen nur noch zwischen zwei und drei Knoten Fahrt. Merle wollte schon immer mal bei 5000 Meter Wassertiefe schwimmen. Heute ist ihr Tag! Wir klappen die Badeleiter aus, eine Sicherheitsleine schwimmt im Wasser, der Käptn bleibt an Bord, um keine Gefahr aufkommen zu lassen. Von den Flautentagen in den Sommern auf der Talsperre im Harz weiß ich, dass man bei zwei Knoten Fahrt nicht mehr schwimmend das Boot einholen kann. Lässt man sich vom Seil ziehen, baut sich vor der Brust eine Bugwelle auf, die so hoch ist, dass man zum Atmen kaum drüber kommt. Am besten geht es mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Merle probiert das alles aus.

Anschließend wird auf der Badeplattform geduscht. Guckt ja keiner mangels Anwesenheit, wir sehen ringsum nur Ozean. Vielleicht letzte Gelegenheit bis zur Karibik?

iSailor auf iPad

iPad mit Navigationssoftware iSailor. 

Weil der Plotter immer wieder die Satellitenortung verliert und nichts anzeigt, navigieren wir auf dem Atlantik ausschließlich mit dem iPad mittels Software iSailor von Wärtsila. Ich habe viele andere ausprobiert. iBoat von TimeZero geht auch noch gut, vor allem wegen der Anzeige der Gezeitenstände und Strömungen und wegen des integrierten Wettermoduls, in der Free-Version für immerhin drei Tage im Voraus. Wetterdownload geht aber nur bei Internetverbindung, also nicht auf dem Ozean.

Meine Navigations-Software der ersten Wahl: iSailor, alles andere ist gewöhnungsbedürftig, teurer und weniger aussagekräftig detailliert. Die elektronischen Seekarten sind bei iSailor am günstigsten und gut aufgeteilt. Man kauft nur das Gebiet, das man wirklich braucht. Und alle Seekarten zum Download, nix Micro-SD-Karten mit Lieferung per Post wie beim Plotter. Papierseekarten habe ich an Bord nur von der Nordseeküste bis Belgien. Die Altvorderen warnen immer wieder: Nehmt Papierkarten mit an Bord, was ist, wenn der Strom ausfällt? Meine Antwort: Ich habe drei Macbooks, zwei iPads, ein iPhone und den Plotter Raymarine Axiom+ 9" an Bord, jeweils mit mehreren Seekartensystemen drauf. Eines der Geräte läuft immer. Wenn Strom alle, sorgen Windgenerator uns Solarpanele für Nachschub. Punkt.

Auf dem Foto (leider ziemlich verspiegelt und in wasserdichter Hülle) sieht man rechts oben den aktuellen Kurs (259,1 Grad) und die Geschwindigkeit (3,5 Knoten), darunter Soll-Kurs zum nächsten Wegpunkt Union Island (253 Grad) und die Distanz bis dorthin (2232 Seemeilen "nur noch").

Mithilfe eines (recht kostengünstigen) Zusatz-Software-Moduls kann die App auch via WLAN die AIS-Signale anzeigen, die vom AIS-Gerät unter Deck über den Seriell-zu-USB-Adapter vom Macbook drahtlos ausgesendet werden. Im Ärmelkanal unverzichtbar, hier auf dem Ozean begegnen uns nur sage und schreibe ganze drei Großschiffe, eines davon hat uns mal vor Portugal überholt und kommt uns jetzt entgegen: "Carlos Fischer" der Name. Aber es gibt hin und wieder eine Yacht auf ähnlichem Kurs, später mehr dazu.

Garmin

Das tägliche Beweisfoto vom Garmin Inreach Mini für die Statistik

Wegen des schwachen Windes hat die Durchschnittsgeschwindigkeit arg gelitten: nur noch 6,5 Knoten. Aber immerhin haben wir bereits über 600 Seemeilen im Kielwasser, der Anfangsstand bei Verlassen von Las Palmas war 2700 und ein paar Zerquetschte. Im Laufe der Reise werden es immer mehr, weil wir nicht den direkten Kurs auf das Ziel nehmen, sondern je nach Windrichtung mal nach rechts, mal nach links abweichen. Am Schluss werden es über 3200 sein.

Garmin am 8. Dezember

Garmin Inreach Mini mit der Statistik am Tag 5

Tag 5, 08. Dezember 2021

Und so sieht das einen Tag später etwa um die gleiche Zeit aus. Die Durchschnittsgeschwindigkeit hat wegen wenig Wind am Nachmittag und Abend des Vortages weiter gelitten.

Beim Kontrollgang an Deck stelle ich fest, dass die Steuerbordmutter des Lümmelbeschlages (wir erinnern uns: Boulogne sur Mer, Mutter des Lümmelbeschlags an Backbord mit Locktite gesichert) bereits abgefallen ist, glücklicherweise liegt sie noch an Deck. Der Bolzen hat sich schon so weit herausgearbeitet, dass der Baum nur noch auf einer Seite gehalten wird. 

So, wie kriege ich den Bolzen wieder durch das Loch, mit Segel oben, bei durch Seegang bewegtem Schiff?? Ich erinnere mich, wie Frans beim Stellen des Mastes einen dicken Bolzen, der den durchgesteckten Mast in der Decksdurchführung fixiert, in die richtige Position getrimmt hat, damit er durchs Loch passt. Wie würde Frans jetzt dieses Problem lösen? Ja, ähnlich, mit Gurtbändern. Glücklicherweise habe ich einige davon an Bord, auch mit Ratsche. Ich spanne zu den Wanten ab, ziehe die Ratsche fest, ziehe den Baum Richtung Mast, ebenfalls mit Gurtband.

Nach einer halben Stunde harter körperlicher Arbeit bin ich gründlich aus der Puste, mit den Nerven, aber auch mit der Arbeit fertig. Heftig schnaufend lasse ich mich im Cockpit auf die Bank fallen. Merle ist besorgt, ob ich jetzt einem Infarkt nahe bin. Nein, es ist halt echt anstrengend. Mit 63 Jahren ist man eben nicht mehr ganz so fit.

Der Bolzen hat zwar ein Loch, damit man mittels Splint die Mutter sichern kann. Allerdings kann ich die Mutter nicht so weit anziehen, dass ein Splint hindurch passt. Improvisierte Lösung (im Improvisieren bin ich geradezu meisterhaft!): Ein Drahtverschluss, wie sie zum Verschließen von Brottüten oder um Kabel gedreht sind, die bei Geräten mitgeliefert werden. Der mit Kunststoff ummantelte Draht passt gerade so durch das Bolzenloch. Die Lösung ist zwar nicht für die Ewigkeit, weil der Draht innen durchrosten wird, aber bis in die Karibik wird es wohl halten. 

Wie sagte doch der Tangaroa-Skipper in A Coruña: Man repariert sich so um die Welt.

iSailor bei Nacht

iSailor auf dem iPad bei Nacht, leider hoffnunglos unscharf.

iSailor auf dem iPad bei Nacht, leider hoffnungslos unscharf. Damit die Nachtsicht der Augen nicht geblendet und damit beeinträchtigt wird, ist alles auf dunkel eingestellt. Die blaue Linie zeigt den Soll-Kurs auf direktem Weg, der hellblaue Pfeil darunter sind wir.

In den Büchern von Bernard Moitessier, einer Soloweltumseglerlegende nicht zuletzt wegen seines packenden Schreibstils, berichtet er immer wieder, dass man auch nachts noch recht gut sehen kann, auch ohne Mondschein. Deshalb hat er die wichtigsten Klampen, die er zum Segeln braucht, schwarz gestrichen, denn das hebt sich nachts am besten von der Umgebung ab. Stimmt irgendwie...

Garmin am 9. Dezember

Tag 6 für die Statistik: Demnächst fällt die Tausendermarke!

Tag 6, 09. Dezember 2021

Immer mehr Meer um uns, es wird aber kaum langweilig. Zu unterschiedlich ist das Wellenbild. Unser Wachwechselrhythmus spielt sich langsam ein. Nach dem warmen Spätnachmittagessen noch bei Tageslicht kommt die bange Frage: Wer schläft zuerst? Merles Antwort: "Weiß nicht." Ich habe nach dem warmen Essen meist das "Schnitzelkoma", ohne Schnitzel versteht sich, und kann dann prima einschlafen.

Blöder Kalauer: Was sieht man auf dem Meer? Tagsüber das blaue Meer, abends das rote Meer (Sonnenuntergang), nachts das Sternenmeer, bei Bewölkung gar nichts mehr. Haha. Sag ich doch, blöd.

Sonnenuntergang Tag 6, 9. Dezember

Auf dem Atlantik sehen wir nur selten einen echten Sonnenuntergang, weil am Horizont immer ein paar Deko-Wölkchen den roten Ball verdecken.

Tausender geknackt!

Um fünf nach Mitternacht ist es soweit: Wir haben eintausend Seemeilen im Kielwasser! Wobei unklar ist, wann Mitternacht ist, in welcher Zeitzone wir uns gerade bewegen. Wir haben ja schon viel Strecke nach Westen gemacht.

Garmin am Mittag nach der Tausendermarke

Garmin Inreach Mini am Mittag nach der Tausendermarke

Am Nachmittag danach sind es schon wieder 86 mehr. Andere Fotos werden rar, denn die Wasseroberfläche zu fotografieren ist irgendwie reizlos. Wir begegnen uns wegen des Wachwechsels gar nicht so oft, sind viel allein.

Zeit zum Nachdenken über Gott und die Welt. Eine solche Reise ist auch eine Reise zu sich selbst. Ich mache mir Sorgen über meine Ehe. Wie schade, dass meine Frau mich nicht begleiten kann. Schließlich muss sie arbeiten und für den jüngsten Sohn in den letzten Monaten vor dem Abitur da sein. Für sie als Zurückgebliebene ist es noch härter, und die lange Trennung fällt ihr sehr schwer. Andererseits mag sie so lange Strecken über das offene Meer nicht. Ich denke, ich werde die Reise schnell zuende bringen, also möglichst früh zurückkehren, wenn Merle ihre Doktorandenzeit beginnen wird. Die Frage nach Ostküste USA oder nicht, ausgelöst durch das fehlende Visum, tendiert deshalb nach Rückweg direkt von den Bahamas zu den Azoren und weiter nach Europa.

Merle im Selfiemodus

Merle im Selfie-Modus mit Gopro

Tag 8, 11. Dezember 2021

Merle veranstaltet mit der Gopro eine Selfie-Session. Das Ski-Stirnband trägt sie nicht wegen der Temperaturen, sondern damit die Haare nicht ständig ins Gesicht wehen. Man achte auf die Steuerung mit dem linken Fuß. Die Hand am Ruderrad liegt da nur zur Zierde. Genau genommen liegt der Fuß da auch nur zur Zierde, denn die Windfahne (das Rote rechts hinten) steuert eigentlich.

Irgendwann, ich weiß nicht mehr, an welchem Tag, schlägt plötzlich der Baum des kleinen Vorsegels unmotiviert hin und her. Häh? Der ist doch eigentlich mit der Schot dichtgesetzt. Eigentlich. Die Inspektion ergibt: Ein Schäkel (Befestigungsmittel aus Metall, gebogenes Teil mit zwei Ösen, Schraubbolzen hindurch, dient zur Verbindung von allem möglichen) hat den Bolzen verloren, hat sich wohl im Seegang locker gearbeitet. Schon wieder Schwein gehabt: Schäkel und Bolzen finden sich noch an Deck. Erkenntnis: Alle (!) Schraubverbindungen gehören gesichert, mit Draht, Splint oder Bändsel! Was nicht gesichert ist, geht irgendwann ab. Ist nur eine Frage der Zeit.

Selfie-Session, 2. Motiv

T-Shirt-Wetter

Selfie-Session Teil 2. Heute ist das Wasser glatt, die Sonne scheint. Das ist nicht an jedem Tag so. Siehe morgen...

Tagsüber haben wir inzwischen meist T-Shirt-Wetter. Nachts sorgt aber der wind chill und die Feuchtigkeit für durchdringende Kühle. Volle Montur mit mehreren Schichten und Decke drüber sind Mittel der Wahl gegen Frieren.

Schürfwunden an den Fingern

Eine der wenigen Verletzungen: Hautabschürfung an zwei Fingern, Kräfte unterschätzt, mit der die Segel an Leinen zerren

Merle hat die Kraft, mit der der das Rollgroßsegel an seiner Ausholleine zerrt, unterschätzt. Beim Öffnen der Feststellklemme saust die Leine durch die Hand und schürft beim vergeblichen Versuch festzuhalten die Haut ab. Vorteil: Den Abwasch erledigt in den nächsten Tagen wohl oder übel ausschließlich der Pappi.

Das gleiche mit etwas weniger drastischen Folgen ist mir übrigens am Tag der zweiten, der "nassen" Begutachtung auf dem Ijsselmeer, passiert. Da hat man mehrere Tage etwas davon...

Beweisfoto Garmin

Bald wird die Hälfte der Luftlinienstrecke erreicht sein.

Und was haben wir heute so geschafft? So langsam arbeiten wir uns wieder an eine gute Durchschnittsgeschwindigkeit heran. Außerdem ist die Hälfte der Strecke in greifbarer Nähe.

Statistik Garmin

Sollten wir etwa schon die Hälfte erreicht haben?

Tag 9, 12. Dezember 2021

Am nächsten Tag am Mittag sind wir auf Geschwindigkeitssoll geblieben. Laut Luftlinienstrecke haben wir Bergfest!!!! Von nun an geht's bergab. Naja, warten wir's ab.

Mond mit Wolken

"Und der Mond scheint hell auf mein Haus auf See...", frei nach Peter Fox

Blick nach oben bei fast Vollmond um kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Das kleine rote V rechts im Bild ist der Windex auf der Mastspitze, ein Zeiger für die Windrichtung, beleuchtet von der Dreifarbenlaterne im Masttopp. 

Hier näher am Äquator geht pünktlich die Sonne um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends wieder unter. Die Dämmerung ist deutlich kürzer als in unseren höheren Breiten zuhause. Man könnte fast die Uhr danach stellen... Denn mangels Internetverbindung finden unsere Handies nicht automatisch die richtige Zeitzone. Wir erraten uns eine. Sind wir schon auf dem Längengrad, der durch die östlichsten Teile von Brasilien geht? 

iPad mit geschätztem Ankunftsdatum

Auf dem iPad, 2. Zeile von unten: ETA mit Datum, darunter die Entfernung zum Ziel in Luftlinie

Was sagt die iSailor Software auf dem iPad zum Ankunftsdatum? Siehe Foto, zweite Zeile von unten = ETA. Das bedeutet im Navigationsjargon: Estimated Time of Arrival, also geschätzte Ankunftszeit. Die schwankt allerdings gewaltig, je nach momentaner Bootsgeschwindigkeit um Tage früher oder später. Wir hoffen immer noch, dass wir vor Weihnachten an Land kommen. Wird sich das bewahrheiten?

Vergleichen wir mit dem Foto vom Garmin oben: Bergfest! Zumindest laut Luftlinie. Die tatsächlich zurückgelegte Strecke ist allerdings deutlich länger, denn wir machen zunächst viel Strecke Richtung Süden, damit wir zügig in die konstanten Passatwinde kommen, segeln also ein Dreieck. Im Buch von Boris Hermann zitiert er die Faustregel für die Atlantiküberquerung von Ost nach West: Von den Kanaren aus Richtung Kapverdische Inseln, bis die Butter schmilzt. Dann rechts abbiegen in die Karibik.

Tag 10, 13. Dezember 2021

Blick voraus bei Sonnenschein

Blick voraus bei Sonnenschein. Den Seegang kann man auf dem Foto nur erahnen.

Garmin mit Streckenstatistik

Die Durschnittsgeschwindigkeit bleibt konstanter, je mehr Strecke wir zurückgelegt haben. Wir haben jedenfalls dauerhaft Etmale oberhalb 100 Seemeilen (Etmal = zurückgelegte Strecke in 24 Stunden).

Tag 11 und 12, 14. und 15. Dezember 2021

Es gibt kaum Neues zu knipsen. Die Tage vergehen im selben Rhythmus. Immer nur Wasser rundum... Wir haben uns auf ein Wachsystem im vierstündigen Wechsel geeinigt, weil Merle meint, dass zwei Tiefschlafphasen pro Freiwache vorteilhaft seien. Eine dauert ca. 1,5 Stunden. Bis die erste beginnt, vergeht allerdings eine Dreiviertelstunde Leichtschlaf.
Statistik am 14. Dezember

Am 14. Dezember sind wir auch über die Hälfte der geschätzten Gesamtstrecke von etwas über 3000 Seemeilen hinaus. Jetzt haben wir mit großer Sicherheit mehr als die Hälfte geschafft.

Garmin am 15. Dezember

Einen Tag später ist die Durchschnittsgeschwindigkeit geschrumpft. Wir waren deutlich langsamer unterwegs. Dafür haben wir schönes Wetter.

Vollmond

Der Grönemeyer knödelt dazu: "Vollmond, setz' mich ins rechte Licht!"

Tag 13, 16. Dezember 2021

Von Tag zu Tag hangeln wir uns an Zahlenwerten voran. Wie lange müssen wir noch? Inzwischen ist es deutlich wärmer geworden, tagsüber ist auch kurze Hose angesagt. Auf der "Barfußroute" sind wir inzwischen angekommen. Für mein Gefühl aber doch irgendwie spät. Nachts ist es trotzdem noch empfindlich kühl.
Noch 1000 Seemeilen bis zum Ziel

Das iPad zeigt am Morgen: Noch 1000 Seemeilen bis zum Ziel!

Nur noch 999 Seemeilen

Und wenige Minuten später springt die Anzeige um auf nur noch DREISTELLIG. Juhu!

Wieviel noch vor uns?

Und wieviel liegt schon hinter uns?

Garmin am Nachmittag

Am Nachmittag sind wir schon wieder deutlich weiter Richtung Karibik.

Tag 14 und 15, 17. und 18. Dezember 2021

Und hier wieder die aktuellen Zahlen des Tages, wie immer ohne Gewehr. Und darf's ein bisschen Sonnenuntergang sein? Bitteschön...
Strecke am 17. Dezember

Zurückgelegte Strecke am 17. Dezember. Die Durchschnitts-geschwindigkeit bleibt konstant. Kommen wir noch wieder auf die schon erreichten 6,7 hoch?

Am 18. Dezember: Garmin

Einen Tag später jedenfalls noch nicht. Aber 6,6 sind auch ein guter Wert.

Sonnenuntergang am 18. Dezember

Und wieder so ein von  Deko-Wölkchen verdeckter Sonnenuntergang. Immerhin ziemlich glattes Wasser. Bei solchen Bedingungen kochen wir etwas, bei ruppigem Wind und entsprechender Schaukelei ist uns das Hantieren mit Töpfen auf dem schwankenden Kocher zu gefährlich. Dann gibt es "just add water" in Form von Treckingnahrung. Tüte aufreißen, kochendes Wasser draufgießen, 10 lange Warteminuten, und dann guten Appetit!

Der Skipper im Selfie

Der Skipper darf auch mal ins Bild. Den Hut im Crocodile Dundee Stil hat mir Jonah aus Australien mitgebracht, danke, Jonah! Als Sonnenschutz perfekt, allerdings das große Messer fehlt. Man sieht aber: Es ist jetzt warm, sehr warm.
Tägliches Rasieren wird überbewertet.

Fliegender Fisch an Deck

Tag für Tag haben wir tote Fliegende Fische an Deck

Tag 16, 19. Dezember 2021

Wie schon berichtet, bin ich etwas enttäuscht, dass wir kaum Tiere zu sehen bekommen. Keinen einzigen Meeressäuger bekamen wir zu Gesicht. Mitten auf dem Ozean plötzlich drei, vier Vögel - was machen die denn hier draußen? Reichlich zu sehen gibt es allerdings Fliegende Fische. In jeder Welle spritzen sie quer zu unserer Richtung davon, meist 10 bis 30 Meter weit. Scheint deren Fluchtmethode vor Fressfeinden zu sein. Die Fressfeinde lauern offenbar unter der Wasseroberfläche und sind nicht zu sehen. Wir sind zwar keiner, aber die Flying Fish nehmen das wohl an. 

Des nachts verlieren sie allerdings oft genug die Orientierung und landen an Deck. Es vergeht kaum ein Tag ohne Leiche auf dem Seitendeck. Ich befördere sie zurück ins Wasser, bevor sie anfangen zu stinken.

Es wird langsam spannend

Wieviele Seemeilen werden es wohl noch werden? Es wird langsam spannend.

Es wird langsam spannend. Über 2500 Seemeilen haben wir im Kielwasser. Wieviele werden es noch?

Nacht für Nacht begegnen wir einer anderen Yacht namens "Pacific Blue". Wir sehen sie auf dem Bildschirm als AIS-Ziel und als Lichtpunkt am Horizont. Die sind genau so lang wie wir, segeln aber wohl platt vor dem Laken, wir kreuzen raumschots und machen täglich bei Tageslicht eine Halse, damit wir nicht zu weit nördlich oder südlich von der Sollroute abweichen, oder wenn der Wind dreht. Manchmal gehen wir knapp vor, manchmal knapp hinter Pacific Blue durch. Das beweist wieder die These, dass der Raumschotskurs etwa gleich schnell wie der Kurs platt vor dem Laken ist, für uns aber deutlich bequemer. Außerdem fühlt es sich schneller an.

An einem Morgen will ich es wissen: Ich hänge mich an den Kurs von Pacific Blue an und versuche, sie im racing mode einzuholen. Ich kurve wie ein meisterlicher Windsurfer die Wellenberge hinunter, immer auf der Suche nach dem perfekten Surf. Allerdings schaffe ich es nicht, mich an Pacific Blue heranzuarbeiten. Nach anderthalb Stunden gebe ich auf. Wir haben eben nicht die richtige Segelstellung für deren Kurs. Bei zu "tiefem" Kurs wird unser großes Vorsegel vom Großsegel abgedeckt und zieht nicht mehr. Der kleine Windsurf-Exkurs war allerdings ziemlich konzentrationsintensiv. Als Merle zur Wachablösung kommt, fragt sie, was ich denn da gemacht habe, war ja unter Deck kaum auszuhalten. Naja, wollte mal ein bisschen Spaß haben...

Garmin Inreach am 20. Dezember

Unsere tägliche Statistik gib uns heute...

Tag 17, 20. Dezember 2021

Inzwischen sind wir so weit südlich, dass wir sogar nachts in kurzer Hose bleiben können. Endlich Barfußroute ganztägig!

Blick nach vorn durch die Sprayhood

Blick nach vorn durch die Sprayhood bei Abenddämmerung

Während der Ozeanfahrt sitzen wir meist mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und schauen nach hinten hinaus. Boote und Schiffe, die hier draußen unterwegs sind, haben AIS-Signale, die wir auf dem Bildschirm orten, lange bevor sie mit bloßem Auge auszumachen sind. Unter dem Spritzverdeck, englisch Sprayhood, sitzt man vor Wind, Sonne und Regen geschützt und kann sich bei ausgestreckten Beinen gut anlehnen. Nach vorn ist die Sicht eingeschränkt, es gibt aber auch nichts zu sehen - keine Fischerfähnchen, das Meer ist viel zu tief dafür, keine Fischerboote so weit von Land entfernt. Einzig UFOs, also unknown floating objects, könnten da schwimmen. Das könnten verloren gegangen Container sein oder beispielsweise ein schlafender Wal. Aber beides liegt eben unter der Wasseroberfläche und ist nicht zu sehen, geschweige denn im Seegang zu erkennen. Also schauen wir nur selten nach vorn.

Gefetztes Vorsegel

In einer Schauerbö mit fast 50 Knoten Windgeschwindigkeit ist das Unterliek des großen Vorsegels ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden.

Und dann passiert das, was wir schon lange befürchtet haben. Immer, wenn eine Querwelle das Ruder verstellt hat oder eine Bö das Schiff anluven lässt, wenn wir im racing mode zu viel Tuch für die Windstärke oben haben, dreht das Schiff immer weiter in den Wind. Dann muss man gewaltig Gegenruder legen, mit ganz viel Kraft, damit wir keinen "Sonnenschuss" hinlegen. So nennt man die Situation, wenn bei starker Schräglage der Wind die dann über dem Wasser schwebenden Segel nach vorn drückt, der Rumpf aber durch das Wasser gebremst wird. Die Hebelwirkung ist enorm, das Boot dreht in den Wind. Wenn dann durch die starke Gegenruderlage die Strömung am Ruder abreißt, ist der Sonnenschuss perfekt. Bisher konnten wir solche Situationen immer noch knapp abwenden. Je länger wir unterwegs waren, um so sensibler wurden wir dafür und konnten antizipieren.

Ich werde wach, weil Merle kläglich nach mir ruft. Ich springe auf, erkenne sie mit ganzem Körpergewicht am Ruderrad hängend, was aber erfolglos bleibt in einer Schauerbö mit bis zu 50 Knoten Windgeschwindigkeit. Ich werfe alle Schoten los, damit sich das Schiff wieder aufrichtet. Tut es auch, aber das Vorsegel knattert zerstörerisch lose im Wind. Der Regen peitscht. Ich werde im Rest der Schauerbö klatschnass, während Merle unter Deck den Schreck mental verarbeitet. Die Folge des Knockdowns sieht man auf dem Foto. Wir sehen danach ein bisschen aus wie Captain Jack Sparrow im "Fluch der Karibik" auf einem schwer angeschlagenen Segelschiff. Ist halt passiert und nicht mehr zu ändern. Das wird beim Segelmacher ordentlich kosten, aber ist eben so.

Tag 18, 21. Dezember 2021

Im Morgengrauen des nächsten Tages fahre ich eine Halse, weil der Wind so weit gedreht hat, dass wir zu weit nach Norden von unserem Sollkurs abweichen. Damit das große Vorsegel gut um das Vorstag des kleinen Vorsegels herumgehen kann, ist es sinnvoll, das große weit einzurollen, um es nach der Halse wieder auszuwickeln. Gesagt, getan. Aber verflucht, was ist das denn jetzt? Das große Vorsegel lässt sich eben nicht auswickeln, sondern hängt auf halber Höhe irgendwie wie eine Eieruhr fest. Von Spinnakern kennt man dieses Bild, von Genoas aber nicht. Ich versuche, den Knoten zu entwirren, komme aber nicht weiter. Inzwischen ist Merle zum Wachwechsel erschienen und schimpft mit mir, warum ich nicht mit der Halse auf sie gewartet habe, dann wäre das vielleicht nicht passiert. Doch, bestimmt.

Die anschließende Fehleranalyse auf dem Vorschiff ergibt: Die Liekleine des Unterlieks (eine starke, sehr dünne Leine, die den unteren Rand des Segels strafft) ist wegen des Flatterschadens vom Vortag aus dem Saum gerissen und hat sich beim Einrollen des Segels um das Vorstag gewickelt und dabei verknotet. Unmöglich, den Knoten in drei Metern Höhe zu lösen, schon gar nicht während der Fahrt. Was tun? Etwas, was ich schon einmal auf einer Überführung einer Yacht im Mittelmeer in der Straße von Bonifacio gemacht habe. An den Bootshaken binde ich oben eine scharfes Messer. Mit dieser Lanze krieche ich auf das Vorschiff und versuche, die verknotete Liekleine durchzuschneiden. Gefahr dabei: Mit dem scharfen Messer will ich selbstverständlich nicht das Segel aufschneiden! Nach einer schweißtreibenden Viertelstunde auf dem im Seegang tanzenden Vorschiff ist die Liekleine endlich zerschnitten. Das Segel kann ausgerollt werden. Ein bisschen stolz auf meine Problemlösung, binde ich das Messer vom Bootshaken los. Kein Lob von Merle, loben muss ich mich still selbst.

Sonnenuntergang mit Drama-Farben

Dramatisches Farbenspiel in den Wolken beim Sonnenuntergang

Am Abend werden wir mit einem Farbenspektakel beim Sonnenuntergang belohnt. Kein Foto vom Loggenstand auf dem Garmin? Tatsächlich, kein Foto vorhanden. Na sowas!

Barbados aus der Entfernung

Barbados aus der Ferne weckt Sehnsüchte nach Landgang, aber Pustekuchen.

Tag 19, 22. Dezember 2021

So langsam wird klar: Wir schaffen das vor Weihnachten! Wahrscheinlich machen wir Sohn/Bruder Linus ein ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk, indem wir morgen auf Union Island ankommen werden. Aber vorher kommt noch ein anderes Ereignis. Im Morgengrauen erkennt man einen dunklen Streifen am Horizont. Die erste Landsichtung nach 19 Tagen! Barbados liegt vor uns. 

Wegen der Corona-Einreisebedingungen haben wir auf den Landfall auf dieser Insel verzichtet. PCR-Test, kostspielig, aber unverzichtbar, weitere Hindernisse bei der Einreise - da sagen wir nein, danke. Aber schön wäre es schon. Während wir so nah an die Küste heransegeln, dass wir Netzverbindung haben, können wir die Bebauung sehr gut erkennen. Da kommt Sehnsucht nach festem Boden unter den Füßen auf.

Käptn beim Nickerchen

Käptn beim Mittagsschläfchen auf der Cockpitbank vor Barbados

Als wir zur Trauerfeier für meine Mutter zuhause waren, gab es einen großen Zeitungsartikel. Barbados feiert seine endgültige Loslösung vom britischen Mutterland. Offizielles Staatsoberhaupt ist nun nicht mehr die Queen in London, sondern eine honorige Dame von der Insel. Prinz Charles war zu den Feierlichkeiten angereist.

3000 Seemeilen geknackt

Die 3000er-Marke ist geknackt.

Noch ungefähr 200 Seemeilen bis Union Island! Also werden wir bei Ankunft alles in allem etwa 3200 Seemeilen zurückgelegt haben. Wenn man sich die Tracking-Linie auf der Garmin-Website ansieht, erkennt man sehr schön unseren Zickzackkurs. Die Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,6 Knoten ist ein respektabler Wert. Schneller sind die ARC-Teilnehmer auch nicht. Wir hätten also gut mithalten können.

Nach 19,5 Tagen Land in Sicht

Land! Laaaand! Und alle: Eine Insel mit zwei Bergen in dem tiefen, weiten Meer...

Tag 19 1/2,  23. Dezember 2021

Im Morgengrauen des 23. Dezember ist es vollbracht. Eine Inselkette schält sich aus der Dämmerung. Wir haben es tatsächlich vor Weihnachten geschafft! Ich erinnere mich an die Pilger vor der Kathedrale in Santiago de Compostella - so ähnlich fühle ich mich jetzt.

Der Segler weiß: Die letzten Meilen mit dem Ziel schon vor Augen sind die längsten. Die Inseln wirken zum Greifen nah, es dauert aber noch. Etwa um neun Uhr melde ich uns per Handy bei der Agentur an, die die Einreiseformatlitäten abwickelt. Ein Boat Boy, ein Einheimischer in einem farbenfreudig bemalten, kleinen Motorboot, kommt uns entgegen und weist uns einen Platz an einer Boje an. Er will uns weitere Schritte erklären, wir verstehen aber nur Bahnhof. Einerseits müssen wir uns an den Dialekt gewöhnen, andererseits setzt er Wissen voraus, das wir als absolute Neuankömmlinge nicht haben können.

Bojenlieger in Clifton Harbour

In Clifton Harbour gibt es keine Marina mit Stegen. Die Schiffe liegen alle an Bojen.

Wer beim Namen Clifton Harbour eine Marina mit Stegen erwartet, ist auf dem Holzweg. Alle Yachten liegen an Bojen, der Weg an Land geht nur per Beiboot oder per Taxiboot mit einem Boat Boy. Unserer bietet uns seinen Transferservice an, wir wollen aber lieber unser Schlauchboot aufpumpen und damit an Land schippern.

Kite-Surf-Revier direkt vor unserem Bug

Türkise Wasserfarben vor unserem Bug

Dabei berauschen wir uns an den Bilderbuchfarben des Wassers. Direkt vor unserem Bug liegt ein Flachwasserbereich, in dem nach deren eigenen Aussagen eine der besten Kitesurfing-Schulen der Welt ihr Trainingsgewässer hat. Mit den Superlativen wie "World's best" wird man hier in der Karibik öfter mal konfrontiert. Ist aber erst einmal gewöhnungsbedürftig. World's best Water Colour stimmt aber schon eher.

Unsere Route über den Ozean

Unsere Route über den Ozean, wie sie vom Garmin Inreach Mini getrackt wurde.

Auf dem iPad sehen wir uns unsere Route über den Atlantik an. Die zurückgelegte Gesamtstrecke stimmt hier nicht ganz, weil ich irrtümlich am Anfang mal das Gerät kurz ausgeschaltet habe. Es stimmt aber sicher und ist erstaunlich: Maximale Geschwindigkeit kurzzeitig 15,5 Knoten! Das kann nur im Surf auf einer grooooßen Welle bei viel Wind gewesen sein. Wir glauben das mal. Die Durchschnittsgeschwindigkeit passt jedenfalls mit 6,58 Knoten.

Wir sind am Nachmittag um 17 Uhr in Las Palmas ausgelaufen und am frühen Vormittag in Clifton Harbour eingetroffen. Offizielle Gesamtzeit also 19,5 Tage.

Vater und Tochter nach der Ankunft

Stolz auf die Leistung als Team: Vater und Tochter

Im gleißenden Sonnenlicht betrachtet haben wir als Team eine großartige Leistung hingelegt. Fast 6000 Kilometer nonstop Tag und Nacht unterwegs, immer weiter ohne Halt, ohne Raststätte zur Pipipause, das Schiff immer unruhig in Bewegung, abwechselnd wach und schlafend, sich gegenseitig bekochend. 24/7 für einander da.

Die Zeit war nicht immer konfliktfrei, aber im Großen und Ganzen ziemlich harmonisch. 

Aber unsere Reise ist ja noch nicht zuende. Wir wollen ja noch weiter und schöne Ziele erkunden!

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