Bei Sonnenuntergang war noch alles in Ordnung

Bei Sonnenuntergang war noch alles in Ordnung

Sonntag, 07. November 2021, bis
Mittwoch, 10. November 2021

Der Wind kommt in der Nacht genau von hinten. Deshalb rollen wir nur das große Vorsegel aus. Wie eine Wetterfahne auf dem Kirchturm wird so das Boot in die richtige Richtung gezogen, geleitet vom am Heck montierten Ruderblatt. Soweit die Theorie.

Es hatte einen Sturm gegeben in der Straße von Gibraltar und irgendwo zwischen den Azoren und der Biskaya. Die daher rührenden Wellen reichen weit über den Ozean, auch noch dann, wenn der Sturm längst abgeklungen ist. Wir haben also eine langgestreckte Dünung aus Nordwest und ein kurze, spitze aus Ostsüdost. Genau dazwischen der nicht allzu starke Rückenwind aus Nordnordost. Diese Gemengelage erzeugt ein völlig unberechenbares, chaotisches Wellenbild. Wir werden hin- und hergeworfen, der Mast pendelt wie der Zeiger eines Metronoms (Taktgeber für Musiker, nicht die norddeutsche Zuglinie) von einer Seite auf die andere und wieder zurück.

Durch diese extreme Schaukelei fliegt im Schiff alles, wirklich alles zu Boden, was nicht in Schrankfächern verriegelt ist. Das Chaos der Wellen draußen erzeugt heilloses Chaos drinnen. Wenn das jetzt bis Weihnachten genau so weitergeht, na dann Prost Mahlzeit, das halte ich nicht durch. Dann ist wohl auf den Kanaren die Reise zuende.

Am Vormittag ist der Spuk vorbei

Am Vormittag ist der Spuk vorbei

Im Morgengrauen unternehme ich einen Versuch, etwas aufzuräumen. Ein Fehler. Erstens ist es zu früh dafür, denn das Schiff schaukelt ja immer noch, es fliegt also wieder runter. Zweitens bin ich nach wenigen Minuten hoffnungslos seekrank. Ich eile nach draußen ins Cockpit, setze mich und blicke auf den Horizont, was mir meist hilft. Es ruckt im Magen mehrfach. Schließlich gebe ich nach und füttere Fische. Soviel sei jetzt schon verraten, es wird das einzige Mal bleiben bis in die Karibik.

Was kann man tun, um die Schaukelei in den Griff zu bekommen? Wenn man motort, setzt man gern das Großsegel mittschiffs als Mittel gegen das Rollen. Probieren wir aus. Tatsächlich, das Schiff liegt viel ruhiger, das seitliche Geschaukel wird auf ein eingermaßen erträgliches Maß reduziert.

Im Laufe des Vormittags ist ohnehin der Spuk vorbei, das Wellenbild normalisiert sich. Das Wasser wird sogar so glatt, dass wir draußen im Cockpit frühstücken können.

Blick in unser Kühlfach

Blick in unser Kühlfach

Im Rest der Überfahrt nach Lanzarote bleiben die Wetterbedingungen entspannt, das Schiff fährt schnurgerade unter Steuerung der Hydrovane, also der Windsteueranlage, ohne dass wir viel eingreifen müssen. Jetzt sage ich mir: Wenn das bis zur Karibik so bleibt, ist das ein easy job. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Mich erstaunt, wie wenig Tiere wir zu Gesicht bekommen. Hatten wir vor der Bretagne und vor Nordspanien und Portugal oft Besuch von Delfinen und viele Vögel am Himmel, lässt sich hier niemand sehen. Doch halt: Ein Piepmatz kommt irgendwo im Dreieck zwischen Portugal, Marokko und Lanzarote angeflogen, setzt sich an Bord und ruht sich aus. Kackt auf die Sprayhood und aufs Deck. Brauchtest du etwa nur eine Pause, um deine Notdurft zu verrichten? Andere Vögel machen das im Flug.

Was allerdings unterhalb der Wasseroberfläche noch so an Getier herumschwimmt, entzieht sich unserer Wahrnehmung. Weil Merle keinen Fisch mag und ich keinen Fisch nach dem Angeln töten mag, haben wir gar nicht erst Fanggerät an Bord. So bietet die Speisekarte nur das, was wir zuvor im Schweiße unseres Angesichts an Bord geschleppt haben.

Solveig hatte eine Erkältung, als sie an Bord war. Offenbar hat sie mich angesteckt. Ich huste wie ein Kettenraucher, mir ist hundeelend. Merle unkt: "Ist das vielleicht Corona?" Ich winke ab. Merle macht bei sich einen Schnelltest: negativ. Sag ich doch!

Gefiederter Gast

Gefiederter Gast für ein paar Minuten

Warum eigentlich nach Lanzarote und nicht erst Madeira? Letztere Insel liegt doch näher an Portugal! Ja und nein. Wenn man von Lissabon aus aufbricht, stimmt das. Aber wir waren ja zuletzt in Portimao. Von dort ist es nur einen halben Tag länger nach Lanzarote. Außerdem ist auf La Palma der Vulkan ausgebrochen und spuckt Aschewolken in die Luft, die sich als schmieriger Glitsch auf dem Deck niederschlagen. Die aktuelle Windrichtung bläst den Auswurf zwar auf den Atlantik hinaus, Das kann sich aber in vier Tagen auch ändern. Außerdem: Alle Boote, die schon in Portugal die Häfen zum Platzen gebracht haben, verlagern sich jetzt nach Madeira, was wiederum dort für einen vollen Hafen und volle Ankerplätze sorgt. Später erfahren wir von "Civetta", die zunächst Kurs auf Madeira genommen hatte, dass sie genau aus diesem Grund Richtung Lanzarote abgebogen sind.

Sonnen auf dem Vordeck

Endlich wieder sonnen auf dem Vordeck

Weil das Wetter zum Mittwoch hin richtig schön wird, ist einerseits seglerisch nicht viel zu tun und andererseits ein Sonnenbad auf dem Vordeck möglich. Allerdings leidet die Geschwindigkeit, wir machen nur noch wenig über drei Knoten Fahrt, das ist schnelles Fußgängertempo. 

Land in Sicht: Lanzarote

Image Description

Donnerstag, 11. November 2021

Als es morgens hell wird, sieht man unter bedecktem Himmel eine besonders dunkle Wolke am Horizont. Bei der weiteren Annäherung wird klar, das ist keine Wolke, das ist Land! Laaaand! In viereinhalb Tagen haben wir die Strecke Portimao -> Lanzarote bewältigt. Dabei kam der Wind mehr oder weniger die ganze Zeit von hinten. Erster Test für die Passatroute: Haken dran!

Puerto Calero

Mole von Puerto Calero

Wir senden eine E-Mail an den Yachthafen Arrecife mit der Bitte um Reservierung eines Liegeplatzes für heute Abend. Die Bewertungen in der Hafen- und Buchten-App "Navily" machen allerdings vorsichtig. Von Abzocke und unlauteren Machenschaften ist da die Rede. Als wir bis zum Eintreffen vor der Stadt immer noch keine Antwort erhalten haben, planen wir um auf Puerto Calero. In diesem Hafen war ich schon einmal vor etwa 30 Jahren. Damals lag er "right in the middle of nowhere". Drum herum war eine Ferienhausanlage in Planung bzw. im Baubeginn begriffen. Wie es heute wohl dort aussieht?

Angekommen in Puerto Calero

Selfie nach Ankunft in Puerto Calero

Den ganzen Tag über haben wir von der Nordspitze der Insel bis Puerto Calero einen Sparringspartner gehabt. Ein andere Yacht segelte dichter unter Land platt vor dem Laken, während wir raumschots vor dem Wind gekreuzt sind. Bei der Welle und in Ermangelung eines Spinaker-Baums zum Ausstellen des Vorsegels ziehen wir den Raumschotskurs vor, weil man beim Steuern nicht so höllisch aufpassen muss, dass man keine Patenthalse baut. Patenthalse nennt man ein unbeabsichtigtes Herüberschlagen des Großsegels mit dem zig Kilo schweren Großbaum darunter auf die andere Bootsseite. Wie eine Sense haut der Baum alles weg, was im Wege ist, gern auch mal einen Kopf. Kommt bei uns nicht vor, nicht etwa in Ermangelung solcher, sondern weil über unseren Köpfen erst das Bimini-Verdeck kommt und darüber dann der Baum. Keine Gefahr also, solange man im Cockpit weilt. Turnt man aber gerade auf dem Vorschiff herum, ist ein herumschlagender Baum eine tödliche Gefahr. 

Wo war ich abgeschweift? Ach ja, der Sparringspartner. Die Theorie sagt, dass der Raumschotskurs (Wind von schräg hinten) schneller ist als platt vor dem Laken, also Wind genau von hinten. Denn das Profil des Segels wirkt wie ein Flugzeugflügel, nur senkrecht. Platt vor dem Laken kann das Segel aber dem Wind nur Widerstand geben, gänzlich ohne Profilwirkung. 

Die Praxis sollte nun zeigen, dass wir mit unserem Sparringspartner mindestens gleichauf bleiben, wenn wir ihn nicht sogar abhängen. Mehrmals am Tag kreuzen sich unsere Kurse, mal sind wir vorn, mal die anderen. Zum Ende hin allerdings liegen wir leider immer mehr hinten. Dann kommt der Schlussspurt. Beide Schiffe laufen Puerto Calero an. Auf der letzten Meile ziehen wir in auffrischendem Wind davon. Wir haben gerade festgemacht und die Formalitäten erledigt, als das andere Schiff einläuft. Als ich helfe beim Leinen annehmen, sagt der Skipper: "Ach ihr wart das, die uns überholt haben! Good job!"

Goldener Poller

Goldener Poller

Freitag, 12. November 2021

Puerto Calero hat sich zu einem Nobelhafen herausgemacht. Es gibt ein Restaurant neben dem anderen, in der zweiten Reihe Shops mit den großen Modemarken. Biegt man um die Ecke zu den Duschen, stellt man allerdings fest, dass die schon bessere Zeiten gesehen haben.

Draußen auf der Pier glänzt eine ganze Reihe goldener oder vergoldeter Poller in der Sonne. "Dafür hammse Geld!", geht es mir durch den Kopf. Draußen hui, Duschen pfui.

Kleines Vorsegel mit gerissenem Gurtband

Gerissenes Gurtband am kleinen Vorsegel

Im Hafen gibt es einen gut ausgestatteten Werftbetrieb. Ich frage nach einem Segelmacher, denn das kleine Vorsegel, das in der Biskaya von oben kam, hätte ich gern als Reserve repariert an Bord. Die Bürodame reicht mir eine Telefonnummer. Selbst haben sie keinen Segelmacher, aber der hier sei der ihres Vertrauens. Ein Anruf ergibt, dass der gute Mann im Stress ist und vor Montag oder Dienstag nicht mit der Arbeit am Segel beginnen kann. Da wollen wir aber schon weiter sein. Also wieder keine Glück, schon wieder mal Freitag genau wie in Lissabon.

Wir sehen uns die Läden im Hafen an. Klamotten, Andenken, Sonnencreme, Lederprodukte, Bio-Drogerie mit Aloe Vera, Autovermietung und: ein kleiner Supermarkt. Streiche Super, setze Mini. Alles, was man woanders vergessen hat einzukaufen, gibt es hier. Alkohol, Zigaretten, Chips, Kekse... Wir nehmen nur ein bisschen Obst und Gemüse mit, denn andere Lebensmittel haben wir ja schon in Lissabon und Lagos gebunkert. Das Preisniveau ist hier auch eher gehoben.

Was gibt es noch um den Yachthafen herum? Ferienhäuser, Hotels, und sonst - nichts, nada, niente, rien, nitschewo. Google Maps zeigt keinen Laden außer einem Mountain-Bike-Verleih, der aber ohnehin geschlossen ist.

Wanderung nach Puerto del Carmen

Am Nachmittag brauchen wir nach so vielen Tagen auf See Bewegung. Wenn es in Puerto Calero nichts interessantes gibt, dan schauen wir mal in den Nachbarort Puerto del Carmen. Die Infos im Netz sprechen von einer Tourismus-Hochburg. Das sehen wir uns mal an.

Puerto Calero in der Abendsonne

Im Nachmittagslicht liegt Puerto Calero und die Küste sehr malerisch da. Der Wanderweg ist ungefähr vier Kilometer lang und führt immer an der steilen Lavafelsküste entlang. Schön angelegt ist er, von einer Tourismusorganisation. Es sind noch mehrere andere Wanderwege ausgewiesen, wir folgen aber nur diesem einen. 

Puerto del Carmen

Der Abstieg von der Steilküste nach Puerto del Carmen ist als Serpentinenstrecke für Fußgänger gebaut. Man läuft also im Zickzack. Der Ort bietet an der Wasserfront Bars und Restaurants. Da, wo Bier ausgeschenkt wird, halten sich vorwiegend Briten in Rotweißoptik auf (rot von Sonnenbrand, weiß, wo keine Sonne hinkam). Es gibt aber auch recht geschmackvoll eingerichtete Restaurants.

Erfrischung vor dem Rückweg

Vor dem Rückweg nehmen wir auf einer eher abseits etwas höher gelegenen Restaurantterrasse eine Erfrischung zu uns. Schöner Ausblick.

Indisches Restaurant in Puerto Calero

Als wir zurück sind, gehen wir zum Autovermietungsbüro. Ein Mann sitzt hinterm Schreibtisch und sagt: "Ich habe kein Auto für Sie, nicht heute, nicht morgen, die ganze Woche nicht." Hä? Alles ausgebucht? Unglaublich. Auf den Schreck gönnen wir uns wenigstens ein leckeres Abendessen im Indischen Restaurant. 

Der Skipper
Adresse

Eiermarkt 3
30938 Burgwedel
Impressum
Datenschutzhinweis

Follow Us
Kontakt
  • Email:
  • volker.bublitz(@)web.de
  • mobil: +49 173 99 511 87