"> Vom Ijsselmeer nach Le Havre
Auslaufen aus Hindeloopen

Unter der Backbordsaling Flaggen: "Blauer Peter" und die Flaggen der zu besuchenden europäischen Länder.

Montag, 27. September 2021

Solveig, Marvin, Götz und ich stehen zeitig auf, frühstücken ein letztes Mal zusammen. Dann kommt die Stunde des Abschieds. Halt, erst noch an der Tankstelle ca. 400 Liter Diesel GTL (Gas to Liquid, besonders sauberer Diesel ohne Verunreinigungen durch Bakterien: keine Gefahr von Dieselpest) bunkern. Die Dieselpreise sind entlang der Route in Belgien am teuersten, in Frankreich ähnlich wie Niederlande, am günstigsten in Spanien. Mal sehen, wie lange der Tankvorrat reicht...

Letzte Umarmungen und Küsse, Leinen los, und unter den Klängen von "Time to say Goodbye" verlässt JOLI AME für unbestimmte Zeit den Hafen von Hindeloopen.

Winde weh'n, Schiffe geh'n weit in ferne Land.
Und des Matrosen allerliebster Schatz

bleibt weinend steh'n am Strand.

Als Götz und ich gerade Segel gesetzt haben, kommt uns ein niederländisches Boot entgegen. Die beiden Männer an Bord des Daysailers schauen intensiv, schauen noch einmal, sprechen miteinander und winken dann lang und heftig. Offenbar haben sie unsere Flaggenparade unter der Backbordsaling richtig interpretiert und wünschen uns so viel Glück.

Der Wind frischt langsam weiter auf, der Kurs nach Enkhuizen gegen den Wind bedeutet Aufkreuzen. Warum Enkhuizen, warum nicht zur Schleuse Den Oever, raus auf die Nordsee und dann immer geradeaus Richtung Ärmelkanal? Nun ja, Wind genau aus der Richtung, wo wir hin wollen, und der recht heftig. Auf der Nordsee draußen gegen Wind UND Welle ankämpfen ist genau das: Ankämpfen. Weil das Wetter auch in den nächsten Tagen so bleibt, wählen wir die "Staande Mast Route". Das ist ein Weg quer durch die Niederlande von der Emsmündung bis ins Rheindelta. Der Teil vom Ijsselmeer bis Westerschelde verläuft über Amsterdam, Gouda, Rotterdam bis nach Vlissingen. Wie der Name schon sagt, kann der gesamte Weg mit stehendem Mast befahren werden, es gibt also überall bewegliche Brücken, die bei Bedarf oder zu bestimmten Zeiten geöffnet werden.

Blick nach achtern
Das Tor zum Compagniehafen

Aufkreuzen gegen Wind und Welle stellt nicht gerade die Paradedisziplin unserer Yacht dar. Als Fahrtenschiff, nicht für Regatten gebaut, obendrein als Langkieler, bedeutet das: dreifacher Weg, vierfache Zeit verglichen mit dem direkten Weg zum Ziel. 
Obendrein verdunkelt sich der Himmel, der Wind geht auf 20 - 25 Knoten, in der Spitze bis 30 Knoten. Erste Bewährungsprobe für Schiff und Mannschaft. Bei soviel Wind war ich mit dem Schiff noch nicht unterwegs, schon garnicht gegen den Wind. Es wird ein zäher Kampf gegen die Elemente. Aber auch das geht irgendwann vorbei und wir können im Compagnie-Hafen von Enkhuizen vor der Hafenmeisterei im "Wendehammer" festmachen. Einen Monat zuvor in der Hauptsaison war der Hafen knallvoll, und wir mussten vom äußersten Ende einen halben Kilometer über Stege wandern, um an Land zu kommen. Heute Abend: entspannt keine 100 Meter bis zum Waschhaus.

Enkhuizen am Montagabend in der Nachsaison - das Brauhaus auf der ehemaligen Werft hat Ruhetag. Einmal die Hauptstraße entlang, den Walk of Fame des Jazz (viele Sterne mit den Namen berühmter Jazzbands im Trottoir eingelassen) abgeschritten, haben wir die Wahl der Qual: Wo zu Abend speisen? Es wird ein kleines Restaurant/Bar-Etablissement mit einem Nachbartisch voll mit Gestalten, deren Sozialstatus eher gemäßigt ausfällt. Es gibt Kibbeling mit Pommes und Salat, die niederländische Fassung von "Fish and Chips". Die junge Bedienung ist freundlich und spricht einigermaßen Englisch. Solveig zuhause schimpft per Whatsapp: "Wozu habe ich euch Suppe eingetuppert? Die wird doch schlecht!" Morgen, Schatz, morgen...
Satt und müde fallen wir in die Koje.

Dienstag, 28. September 2021 

Duschen, Frühstück und los, durch die Schleuse zwischen Ijsselmeer und Markermeer, erste Schleusung für Götz. Heute soll es über das Markermeer bis Amsterdam gehen. Die Sonne scheint, der Wind bewegt sich im idealen Bereich, kommt aber weiterhin aus der Richtung, in die wir wollen. 
Aufkreuzen bei schönstem Kaffeesegeln - das bedeutet netten Wind, bei dem man getrost während der Fahrt Kaffee trinken kann, ohne dass etwas verschüttet wird. Gestern unmöglich, heute perfekt. Trotzdem zeigt sich, dass der Wendewinkel unserer Island Packet 440 mindestens 100 Grad beträgt. Dreifacher Weg, vierfache Zeit also auch heute, wenn auch bei schönem Wetter. 

Amsterdam mitten in der Stadt angelegt

Tatsächlich erreichen wir nach vielen Wenden die Schleuse am Eingang von Amsterdam. Weil es schon dämmert, biegen wir danach gleich links ab und suchen uns einen Liegeplatz für die Nacht. Da kommt uns im Hafenbecken eine junge Frau beim StandUpPaddling entgegen, gefolgt von einem Schwimmer im Neoprenanzug. Huh, ganz schön frische Wassertemperatur. Uns schaudert.
Wir legen an einem Steg eines Yachtclubs an. Kein Mensch zu sehen, Tore zwischen Steg und Land verschlossen. "Betreten verboten" steht auf einem Schild. Okay, dann bleiben wir eben an Bord. Bis zum Morgen kommt niemand zum Meckern. Es gibt endlich die von Solveig liebevoll vorgekochte Gemüsesuppe. Herrlich, danke!

Schwimmer in Amsterdam

Amsterdam: Schwimmer im Hafenbecken

Mittwoch, 29. September 2021 

Am Morgen trauen wir unseren Augen kaum, und als dann doch, bekommen wir eine Gänsehaut des Kälteschauderns: Menschen in normaler Badekleidung gehen von der Kaimauer gegenüber schwimmen. Na gut, Kaimauer stimmt nicht ganz, es gibt eine Art Promenade und tatsächlich Badeleitern. Nun ja, nur die Harten kommen in den Garten. Und Gärten sind in Amsterdam rar. Zur Sicherung ziehen die Schwimmer eine Schwimmboje hinter sich her, damit sie von der Schifffahrt besser gesehen werden können

Fähre mit Initialen von Götz

Fähre mit Initialen von Götz: seine Verkehrsgesellschaft?

Nach dem Frühstück geht es quer durch Amsterdam. Ich hatte mit deutlich Verkehr gerechnet. Aber an diesem trüben Mittwochvormittag Ende September queren nur ein paar Fähren, ein historisches Motorschiff mit ebenso historischem Motor (Höreindruck Einzylinder) überholen wir, ein paar Binnenfrachtschiffe kommen entgegen. Am Holzhafen verpassen wir zuerst die Einfahrt zur ersten Brücke/Schleuse der "Stehenden Mast Route", bitte wenden Sie jetzt...

Erste Klappbrücke Amsterdam

Endlich öffnet die Brücke

Die erste Klappbrücke unserer Reise öffnet nicht. Warten. Öffnet weiterhin nicht. Wie geht das jetzt? Über Funk ansprechen und um Öffnung bitten? Welcher Funkkanal? Nachsehen, ob die Brücke zu bestimmten Uhrzeiten öffnet? Wenn ja, wo nachsehen? Ist der Skipper schlecht vorbereitet? Ja, aber irgendwie Durchwursteln hat ja auch oft geklappt.
Wir legen erst einmal daneben an. Interessanterweise gibt es dort einen Parkscheinautomaten für angelegte Boote.
Kaum haben wir die Leinen fest, kündigt "RotGrün" der Ampel die Brückenöffnung an. Also Leinen wieder los, Brücke auf, durch und fertig. Hinter uns Brücke wieder zu.

Bahnbrück in der Nacht

Erste Bahnbrücke um Mitternacht

Im Skippersguide lese ich, dass die Durchfahrt durch Amsterdam auf der "Staande Mast Route" tatsächlich nur nachts erfolgt, und zwar als Konvoi. Dann öffnen die Brücken exakt für die Durchfahrt des Konvois und schließen sofort wieder. So wird wohl der Straßenverkehr nicht unnötig behindert. Unser Konvoi besteht nur aus Rupel und uns. Der Skipper von Rupel, ein Belgier, kommt zu uns und erklärt, dass es wohl nachts um halb eins losgeht. Ich bitte ihn vorweg zu fahren, er nickt, denn er versteht als Flame die holländische Sprache im Funk. Übrigens: Rupel wird auf flämisch "Rüpel" ausgesprochen. Hier ist aber Name nicht gleich Programm, denn Rupel ist ein Fluss in Nordbelgien.

Wir legen uns schlafen, damit wir für die Nacht gerüstet sind. Kurz vor eins kommt ein Auto, ein wichtig wirkender Mann ruft uns zu, dass es in einer halben Stunde losgeht. "Go as fast as you can!" Eine Viertelstunde später kommt ein etwas weniger wichtig wirkender jüngerer Mann auf einem Elektro-Roller und kündigt den Beginn für in 20 Minuten an.

Autobahnbrücke Amsterdam Süd

Autobahnbrücke im Morgengrauen

Um kurz vor halb zwei geht es tatsächlich los. Die Brückenampel schaltet auf "RotGrün", die Brücke öffnet sich mit entsprechendem Geräusch, es kommt ein (!) Boot als "Konvoi" entgegen, dann schaltet die Ampel auf Grün, Rupel vorweg, wir immer hinterher. Alle gefühlten 300 Meter nächste Brücke, vor uns auf, hinter uns sofort zu. Oben auf der Brücke jeweils eine gelangweilte Gestalt eines Bediensteten in sein Handy vertieft, einmal erkennen wir am Helm den jungen Mann auf dem Elektro-Roller. Es fahren also Brückenwärter parallel zum Konvoi per Auto oder Roller mit, um die Brücken zu bedienen. Irgendwann kommen wir zu einer Schleuse, da dauert es etwas. Nach gefühlten 10 Minuten geht es weiter. Um etwa halb sechs kommen wir, inzwischen hundemüde, an eine Autobahnbrücke. Der Rupel-Skipper erklärt uns, dass die Brücke erst um sieben Uhr öffnet, wir könnten uns ruhig ein Stündchen schlafen legen. Machen wir. Puh, erstes Stück der "Staande Mast Route" geschafft. Spannend.

Notanleger in Häuserschlucht

Notanleger zur Übernachtung vor Autobahnbrücke

Am Abend kündigt Rupel an, in einem Hafen südlich von Rotterdam übernachten zu wollen. Wir bedanken uns für die Führung und wollen weiter auf dem Altrhein. Allerdings schaffen wir das nur ca. eine Stunde. Unsere heutige Fahrt endet vor einer hoffnunglos geschlossenen Brücke. Null Bewegung. Per Funk: keine Antwort. Recherche im Internet: Brücke öffnet erst wieder morgen früh, bei Bedarf um 9 Uhr, sicher um 10 Uhr. Wir suchen uns einen Platz zum Anlegen und Übernachten. Garnicht so leicht, neben uns befindet sich eine Werft für Megayachten, ein Exemplar ist im Schein der Nachtbeleuchtung zu bewundern. Inzwischen ist es stockfinster. Überall Anlegeverbot. Mist. Wir flüchten uns in einen Seitenkanal, der zu einem kleinen Motorboothafen führt. Der Wind hat gewaltig aufgefrischt, zwischen den Hochhausfronten als Düse noch verstärkt. Schon wieder eine geschlossene Brücke, immerhin mit einem Warte-Anleger davor. Schild: hier nur Anlegen für Lizenzinhaber. Keine Ahnung, was für eine Lizenz. Egal, heute Abend kommt sowieso niemand mehr hier rein. Beim Anlegemanöver mit stark böigem Wind reißt uns ein Fender ab und ist unwiederbringlich verloren. Bisschen Schwund ist immer, aber ich ärgere mich trotzdem. Ist allerdings sonst gerade noch gut gegangen. Nach einem schnellem Abendessen fallen wir erschöpft in die Kojen und pennen wie die Steine.

Staande Mast Route Teil 1

Auf vesselfinder.com: Unser Teil 1 der Staande Mast Route von Amsterdam vorbei am Flughafen Schipol, an Gouda und Rotterdam bis Ridderke endet vor einer geschlossenen Autobahnbrücke der A15.

Brücke Alblasserdam

Alblasserdam Brücke schließt nach unserer Durchfahrt

Donnerstag, 30. September 2021 

Nach einem guten Frühstück und entspanntem Gespräch ist es schon kurz nach 9 Uhr. Rückwärts aus dem engen Kanal hinaus ist leichter als gedacht und bei Tageslicht ohnehin einfacher. Wir warten kurz vor der Brücke und - Sesam öffne dich - sehen wir "RotGrün" und hören das Klingeln der sich schließenden Schranken. Dann ist der Weg frei für weitere Kilometer.

Gelbes Schiffsmonstrum

Wofür ist dieses Schiff gebaut worden?

Das Fahrwasser weitet sich, links und rechts Industriegebäude und Hafenanlagen ohne besonderen Reiz. Tatsächlich gibt es dann im Hollandisch Diep einen Abschnitt Richtung Westen, sodass wir bei dem seit Tagen herrschenden Südsüdwestwind seit dem Markermeer erstmals wieder die Segel ausrollen können, um eine gute Stunde segeln zu können. Gegen Mittag erreichen wir "meine" Schleuse, die Volkerak-Schleuse zwischen dem Hollandisch Diep und dem Volkerak. Brav folgen wir dem Pfeil in Richtung "Sport". Als wir uns per Funk bei der Schleuse anmelden, stoppt uns die antwortende Dame mit der Anmerkung, dass die Durchfahrt unter der festen Brücke nicht hoch genug für unseren Mast ist. Also retour zur Schleuse für die Berufsschifffahrt nebenan. Dort klappt die Brücke bei Bedarf hoch. Auch dort melden wir uns per Funk an. Der Operator gibt uns freundlich zu verstehen, dass wir ca. eine halbe Stunde warten müssen. Dann erhalten wir die Anweisung, nach zwei Berufsschiffen in die Schleuse einzufahren. Alles klar, wir stellen uns hinten an. Vorher kommt uns aus der Schleuse ein gelbes Monstrum von Schiff entgegen, dessen Sinn und Aufgabe uns verschlossen bleibt. Tanks, und wenn ja, für was? Wir recherchieren nicht im Web.

Einfahrt Volkerakschleuse

Einfahrt in die Volkerak-Schleuse hinter zwei Binnenschiffen

Hinter den beiden Binnenfrachtern machen wir mit Respektsabstand von deren Schraubenwasser fest und sind kurz darauf durch die Schleuse, inzwischen routiniert, was die Prozedur anbelangt. Danach können wir tatsächlich wieder ein Stück Richtung Westen Segeln, bevor es in die Krammerschleuse geht. Selber Vorgang, bitte NICHT für Sport, sondern in die Berufsschifffahrtsschleuse. Danach ist es später Nachmittag geworden, wir gönnen uns einen zeitigen Tagesausklang und steuern die Schleuse Richtung Grevelingen an.

Webcam Bruinisse

Dahinter lockt die schöne Marina Bruinisse mit guter Ausstattung und Bewertung. Und eine Dusche stünde uns gut zu Gesicht bzw. Achselhöhle. Noch bei Tageslicht erreichen wir die im Nachsaisonmodus hindämmernde schicke Anlage. Das Hafenmeisterbüro ist schon zu. Der Koch des Hafenrestaurants steht mit seiner Zigarette draußen und zeigt in Richtung Liegeplatz für Durchreisende.

Mein Bruder Dietmar findet die Webcam des Hafens, auf der wir tatsächlich beim Anlegemanöver zu sehen sind!

Nach Körperpflege im dafür vorgesehenen luxuriösen Gebäude und Anlegen eines "zivilen" Outfits gönnen wir uns im Hafenrestaurant seit Enkhuizen erstmals wieder ein nicht selbst gekochtes Abendessen. Das haben wir uns ganz sicher verdient.

Campingplatz am Ufer

Campingplatz am Ufer

Freitag, 1. Oktober 2021 

Der frühe Vogel fängt den Wurm, also raus aus der Koje, Frühstück und weiter. Wieder durch die Schleuse raus aus dem Grevelingen, rein ins Mastgat, an dessen Ende wieder eine Schleuse vor der Einfahrt in eine idyllische kleine Wasserstraße zwischen Nord- und Süd-Beveland liegt. Zwei Boote liegen schon davor und warten. Von dem allein reisendenden Belgier erfahren wir, dass die Schleuse defekt ist und gerade repariert wird. Götz geht "mal gucken". Tatsächlich sind zwei Techniker emsig dabei, irgendetwas wieder in Gang zu bringen. Also Pause, kurz ausspannen und raus aus den Regenklamotten. Nach einer knappen Stunde klingeln die Schranken, "RotGrün", dann "Grün" und auf geht's, vorbei an einem Campingplatz und durch grüne Natur. Wieder können wir ein paar Kilometer segeln.

Von Bruinisse nach Beveland

Von Bruinisse nach Beveland


Der Wind hat stark aufgefrischt. Wir suchen vor der Einfahrt in den Kanaal door-Walcheren einen Platz zum Übernachten. Bei inzwischen starkem Seitenwind und waagerecht peitschendem Regen in eine Box einzufahren erweist sich als unmöglich. Eine Industrie-Ruine am Ufer bietet keine Anlegemöglichkeit, danach folgt gleich die Schleuse zwar mit Warteanleger, an dem aber nicht übernachtet werden darf. Inzwischen ist es dunkel, der Regen wird immer noch vom Wind gepeitscht. Sch..., wohin denn jetzt? Als Wink in der misslichen Situation hat irgendein Schleusenmensch Mitleid und schaltet die Ampel auf "RotGrün". Also gut, vielleicht gibt es dahinter eine Anlegemöglichkeit. Das Tor öffnet sich zu einer "historischen" Schleuse mit einer Kammer, in die wir geradeso hineinpassen. Vorn zwei, hinten zwei Meter Platz, bei der Durchfahrt durchs Tor beidseitig gefühlt ein Meter.

Am Silo übernachtet

Am Kai vor dem Silo bei Middelburg

Hinter der Schleuse Warteanleger, nix Übernachten, Anlegeverbot. Es schließt sich ein schnurgerader Kanal an. Monotonie kilometerweit. Zappenduster ist es inzwischen, immerhin hat der Regen etwas nachgelassen. Ein Stichkanal seitlich könnte eine Anlegemöglichkeit bieten. Rein, nachsehen, überall Anlegeverbot, resignieren und wieder raus. Dann finden wir bei Middelburg eine Kaimauer vor einem Silo, an dem bereits eine Motoryacht liegt. Die gehört da eigentlich auch nicht hin. Wenn die das können, dann wir auch. Festmachen, schnell ein paar Nudeln und dann ab in die Koje.

Brücke Vlissingen

Brücke vor Vlissingen

Samstag, 2. Oktober 2021 

Frühes Frühstück und ab auf die Piste, sprich weiter im Kanal, jäh gebremst durch die erste Brücke, diesmal zum Drehen. Per UKW-Funk teilt uns eine freundliche männliche Stimme die genaue Uhrzeit für die Brückenöffnung mit. Nach etwa 10 Minuten geht die Brücke auf. Vor den nächsten warten wir jeweils ein paar Minuten, ohne am Wartesteg anzulegen, denn es ist gänzlich windstill und wir sind ganz allein im Kanal. Vermutlich sind die Brückenöffnungen zeitlich gestaffelt und wir einen Tick zu schnell, sodass wir jeweils warten müssen. 

Megayachtwerft in Vlissingen

Megayachtwerft in Vlissingen

Schon früh erreichen wir Vlissingen, gleiten vorbei an einer Megayachtwerft, ab in die Schleuse und raus aus der Staande Mast Route hinein in die Westerschelde: erstmals Tidengewässer!

Regen auf der Westerschelde

Regen auf der Westerschelde - hatten wir etwa anderes Wetter erwartet?

Wir haben etwa 1 Knoten Tidenstrom gegenan, das können wir locker mit der Maschine ausgleichen. Der Wind steht wie erwartet auf die Nase, der Motor muss also sowieso ackern. Kennen wir ja seit einer Woche nicht anders. Die Westerschelde ist breit, gegenüber sieht man Breskens liegen. Den dortigen Yachthafen hatte uns der Rupel-Skipper empfohlen. Aber es ist gerade mal früher Vormittag. Unser Ziel deshalb: Zeebrugge, der Seehafen der Stadt Brügge.

Schlepper mit Löschfontänen

Schlepper mit Löschfontänen

Vor der Hafeneinfahrt angekommen, kommt ein riesige Gastanker entgegen, begleitet von Schleppern. Da drängeln wir uns nicht dazwischen und drehen einen Wartekringel vor der Mole, bis der Riese vorbei ist. Einer der Schlepper führt neben uns ein Spektakel mit seinen Feuerlöschfontänen auf. Zu unserer Begrüßung etwa? Zuviel der Ehre, er übt nur Zielschießen. 

In der Marina in Zeebrügge

In der Westhinder Marina in Zeebrugge

Wir zuckeln gemütlich Richtung Yachthafen Marina Westhinder. Per UKW Kanal 9 melden wir uns beim Hafenmeister an. Der kommt uns auf dem Gastliegersteg entgegen, um die Leinen anzunehmen. Weil das Boot genau dort, wo er steht, so anhält, dass er nur noch den Arm ausstrecken muss, um von Götz die Vorspring gereicht zu bekommen, lobt er das Anlegemanöver. Dankeschön! 
Der Yachthafen bietet kostenlos Leihfahrräder an. Da sagen wir nicht nein, erhalten tolle Leichtlaufräder mit 7-Gang-Schaltung und drehen eine Runde durch das Städtchen. Das erweist sich als kurzes Vergnügen, denn der Ort ist abgesehen vom riesigen Hafen ziemlich überschaubar klein.

Kirche in Zeebrugge

Kirche in Zeebrugge

Immerhin gibt es eine schlicht-schöne Kirche. Über Gotteshäuser gehen die Geschmäcker weit auseinander. Uns Nordlichtern liegt die weniger bombastische Version näher als die vor Gold strotzenden. 

Götz' Frau Susi hatte aus ihrer Zeit in Belgien berichtet, dass dort vor den Kirchen eine Sichtschutzmauer für dringende Bedürfnisse unter freiem Himmel steht. So auch hier: Steinplatten im Karree verdecken dies und das zwischen Schulter und Wade. Laut Susi wird dort das Wichtigste des Tages vor oder nach dem Gottesdienst ausgestauscht, verbal natürlich. Weil aber Samstagnachmittag ist, ist kein Gottesdienst und deshalb die Pinkelecke leer.

Hinter der Kirche gibt es eine Einfriedung mit einem Soldatenfriedhof. In den dortigen Gräbern liegen einträchtig nebeneinander Engländer, Belgier, Deutsche und andere Nationalitäten - ein Werk der Kriegsgräberorganisationen der verschiedenen Länder. Eine sehr schöne Geste der Versöhnung!

Kühles Helles - das haben wir uns verdient

Kühles Helles zur Seezunge - das haben wir uns verdient

Rauf auf die Räder, wir suchen Essbares. Tatsächlich finden wir ein rustikales Fischrestaurant, in dem ich mit meiner Familie während der "Jungfernfahrt" unseres derzeitigen Wohnmobils vor etwa zehn Jahren schon einmal eingekehrt war. Einiges war inzwischen modernisiert, aber der Zuschnitt des einzigen Raumes war unverkennbar. Mein jüngster Sohn erinnerte sich per Whatsapp, dass er dort Pommes mit Apfelmus gegessen hatte, eine Kombination, die uns damals ausgesprochen exotisch vorkam. Als ich jetzt die junge Bedienung, wohl die Tochter des Wirtes, darauf anspreche, antwortet sie erstaunt: "Wieso, das essen hier doch alle Kinder!" Wussten wir nicht...

zurückgelegte Wegstrecke durch den Kanal bis Vlissingen, aus der Westerschelde bis Zeebrugge

zurückgelegte Wegstrecke durch den Kanal bis Vlissingen, aus der Westerschelde bis Zeebrugge

Autotransporter in Zeebrugge

Autotransporter in Zeebrugge

Sonntag, 3. Oktober 2021 

Die Vorhersage gewährt uns gnädig ein Fenster für den Vormittag mit Wind von nur schräg vorn, sodass wir Richtung Südwesten segeln können. Also früh aus der Koje, schnelles Frühstück, erstmals seit Hindeloopen Wassertank auffüllen und los. Wir zuckeln aus dem rieseigen Hafen, es kommt gerade ein Autotransportschiff rein, begleitet von Schleppern.

Sonnenschein, aber kalter Wind

Sonnenschein, aber immer kalter Wind

Der Am-Wind-Kurs lässt uns zügig vorankommen, führt uns aber immer weiter von der Küste weg. Außerdem ist für den Nachmittag wieder Starkwind bis Sturm angesagt. Wir gehen also in den Hafen von Oostende. Per Whatsapp fragen unsere Follower: "Wie, schon Feierabend für heute???". Ja, Wetter ist halt so: Sturm kommt auf.

Route von Zeebrugge nach Oostende

Unsere Strecke von Zeebrugge nach Oostende

Die Hafeneinfahrt ist leer, also bummeln wir mit mäßiger Geschwindigkeit Richtung Königlicher Yachtclub. Der Gästesteg dort ist von zig Möwen besetzt und entsprechend vollgekackt. An einer Geländerbrüstung steht ein Mann, telefoniert und ruft uns dann zu, wir sollten lieber in die Mercator-Marina gehen. Außerdem erwarten die Hafenlotsen dringend unsere Meldung über Funk. "At once!" Okay, machen wir und erhalten einen Anschiss, warum wir die Lichtsignale nicht beachtet haben. Die haben wir zwar gesehen, drei Lichter übereinander, grün-weiß-grün, haben aber keine Ahnung, was das bedeutet - nie gesehen vorher. Das heißt, in Zeebrugge schon, da hat sich aber keiner beschwert.

Dunkle Wolken über Oostende

Dunkle Wolken über Oostende


Zur Mercator-Marina geht es mal wieder durch eine Schleuse und eine Brücke, deshalb wollten wir da eigentlich nicht hin. In der Schleuse begrüßt uns persönlich der Schleusenwärter auf deutsch, reicht uns Infomaterial, Zugangscodes für die Stege und den Sanitärponton sowie ein Blatt mit der Erläuterung der besagten Lichtsignale. Danke, aber ein bissel spät für die Lichtsignale, nun ja.
In der Mercator-Marina liegen wir mitten in der City, direkt vor dem Hauptbahnhof. Bis in die Innenstadt sind es nur ein paar Schritte über die Straße. Dort hat es ein Volksfest mit viel Fahrgeschäften und haufenweise Jahrmarktsbuden gegeben, die gerade abgebaut werden.
Inzwischen tobt der Sturm, es pfeift in den Masten, selbst mitten in der Stadt. Wir sind für zwei Tage "eingeweht", will heißen: können den Hafen wegen Sturms nicht verlassen.

Verriegelte Schleusentore

Verriegelte Schleusentore

Die Schleusentore sind mit dicken Stangen extra verriegelt, damit sie vom Sturm nicht aufgedrückt werden. Wir machen es uns gemütlich, bummeln durch die City, Götz kauft sich Bordschuhe in einem Laden gegenüber, der von einem sehr netten Mann betrieben wird. Er sei alljährlich mit einem Stand auf der weltgrößten Wassersport-Messe boot in Düsseldorf. Weil er uns und mein Vorhaben so sympathisch findet, schenkt er mir einen großen, roten Schlüsselanhänger "CREW". Danke sehr!

Vollgekackter Möwensteg

Steg von Möwen besetzt

Mittwoch, 6. Oktober 2021 

Die Windvorhersage verspricht ab 18 Uhr nachlassenden Wind. Der Schleusenwärter macht um 16 Uhr Feierabend. Und jetzt? Bis morgen warten? Heute noch raus? Draußen weht es noch. Wir beschließen: Schleusen um kurz vor 16 Uhr, im Königlichen Yachtclub am Möwensteg zwei Stunden abwarten, dann raus. Dort angekommen, ist es recht ruhig. Was soll der Geiz, also los und raus aus dem Hafen! Die Quittung bekommen wir in der Hafenausfahrt: Dort steht eine Welle, die Joli Ame bis zur Bordkante eintauchen lässt, mit entsprechenden Wasserfontänen zu beiden Seiten. Wir werden gewaltig durchgeschüttelt, der Wind ist noch heftig.

Sonnenuntergang mit salzverkrusteter Sprayhood

Sonnenuntergang durch salzverkrustete Sprayhood

Oh Schreck, der Mast des Windgenerators wackelt hin und her! Götz muss ihn irgendwie festbinden, während ich am Ruderrad das Gestänge mit einer Hand notdürftig festhalte. Es geht durch hohen Seegang. Immerhin haben wir den Tidenstrom mit uns. In der Dunkelheit schießen wir unter Motor mit über neun Knoten durch die Sandbänke vor Dünkirchen, an Wracks aus dem 2. Weltkrieg vorbei.

Calais bei Nacht

Calais bei Nacht

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Vorbei geht es mitten in der Nacht an Calais. Mich erstaunt der recht dünne Schiffsverkehr. Aber gut, wir queren ja nicht die Straße von Dover, sondern bleiben auf der französischen Seite. Inzwischen kentert der Tidenstrom, und am Cap Gris-Nez westlich von Calais verhungern wir bei kräftigem Gegenstrom mit knapp über zwei Knoten Fahrt. Dann rasen in der Dunkelheit doch noch zwei Fähren, groß wie Kreuzfahrtschiffe, hinter uns vorbei. So schnell habe ich die garnicht kommen sehen.
Es graut dem Morgen, wir erreichen Boulogne sur Mer. In den Yachthafen kann vor und nach Niedrigwasser nicht eingefahren werden, weil die Einfahrt trocken fällt. Wir machen also erst einmal an einem Schwimmponton fest, an dem ein Ausflugsboot liegt. Hinter uns legen Fischer an und löschen ihren Fang. Wir legen uns schlafen.

Fischerboote in Boulogne sur Mer

Fischerboote in Boulogne sur Mer, inzwischen bei fast Hochwasser

Es klopft. Ein Offizieller von der Hafenverwaltung sagt, wir könnten unmöglich dort liegen bleiben, das sei verboten. In einer Stunde sei der Ponton voller Fischerboote, die alle ausladen wollen. Gegenüber seien doch Stege der Marina! Laut Seekarte reicht dort die Wassertiefe bei Niedrigwasser kaum für uns. Aber gut, gehen wir da rüber. Nach einem schnellen Frühstück repariere ich den Mast des Windgenerators. Bei einem Check stelle ich fest, dass sich eine Mutter des Bolzens, der Großbaum und Mast verbindet, gelockert hat. Schwein gehabt, dass sie noch dran ist. Mit viel Locktite sichere ich die Mutter, damit das nicht wieder passiert.
Uns hält hier nichts. Wir gehen gleich wieder raus. Vorher läuft uns noch die junge Bedienstete der Marina hinterher, wir müssten bitte noch sieben Euro für's Anlegen ohne Übernachtung bezahlen. Jaja, schon gut. Sag' ich doch, es hält uns hier nichts mehr.

Bratkartoffeln auf der "Terrasse"

Bratkartoffeln auf der "Terrasse"

Weiter geht es Richtung Le Havre. Es ist bewölkt, aber immerhin hat der Wind nachgelassen, und während wir motoren, schlafen wir abwechselnd. Gegen Nachmittag können wir bei schwachem Wind segeln, und die Nacht verläuft unter Segeln ruhig, bis auf ein havariertes Schiff auf unserem Weg. Ein "Aufpasserschiff" bittet uns per Funk, Abstand zu halten, und verfolgt uns, damit wir ja nicht neugierig auf den Havaristen zu fahren. Keine Sorge, wir verhalten uns wie befohlen.

Le Havre in der Mittagssonne

Le Havre in der Mittagssonne

Freitag, 8. Oktober 2021

Am späten Vormittag erreichen wir Le Havre. Am Ponton "Oscar" machen wir fest. Als wir uns bei der Hafenmeisterei anmelden wollen, ist Mittagspause. Immerhin gibt es einen Automaten, an dem man eine Zugangskarte für die Stegtore und Sanitäranlagen gegen Gebühr ziehen kann. Die Sanitäranlagen daneben sind aber verriegelt und verrammelt wegen Baustelle. Also muss die Dusche noch warten.
Als die Mittagspause vorbei ist, wird - mit Verspätung - das Büro aufgeschlossen. Wir erfahren, dass wegen des Umbaus der Sanitärräume in einem Vereinsgebäude am anderen Ende des Hafens geduscht werden kann. Wir machen uns, bewaffnet mit Kulturbeutel und Handtuch, auf die Wanderung über tausend Stege. Dort angekommen, versuchen wir am elektronischen Schloss den Zugangscode auf unserer Karte. Auch nach dem zehnten Versuch Fehlanzeige. Wir pilgern den ganzen Weg zurück zur Hafenmeisterei und erfahren dort: "Ach so, ja, das ist doch der Code vom letzten Jahr. Der hier ist jetzt gültig." Na schönen Dank, hätten wir gern gleich gewusst. Götz bekundet sein grundsätzliches Misstrauen französischen Organisationsstrukturen gegenüber.

Inzwischen ist klar: Götz kann seine Option auf eine dritte Urlaubswoche beim Arbeitgeber nicht einlösen und muss ab Montag wieder arbeiten. Deshalb wandern wir die zweieinhalb Kilometer zum Bahnhof und kaufen sein Ticket. Einmal in Paris den Bahnhof wechseln, dann ab nach München. Am Samstagvormittag begleite ich ihn zu seiner Abreise zum Bahnhof. Tschüß, Götz, und vielen Dank! War hart, kalt und nass, aber eben Abenteuer. Bis nächstes Jahr Ostküste USA? Schau'n mer mal...

Tschüß, Götz!
Der Skipper
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30938 Burgwedel
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